30.01.26

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Das süße Leben – Fünf Fragen mit Dario Deserri

Was ist la dolce vita heute? Ein Lebensstil, eine innere Haltung oder ein kostbarer Augenblick des Genießens? - Dario Deserri - Das süße Leben Geschäftspartner, Museologe und Autor, im Gespräch.

Nach einer Kindheit, die ich ohne Zögern als glücklich bezeichnen kann, und einer ruhigen frühen Jugend in Ferrara, absolvierte ich mein Universitätsstudium der Geschichte und Archäologie in Bologna, wo ich mich anschließend auf Museologie spezialisierte. Die beiden Städte liegen sehr nahe beieinander; der tägliche Verkehr zwischen ihnen ist vergleichbar mit dem zwischen Potsdam und Berlin.

Mein Leben in Deutschland begann erst viele Jahre später, ab 2008, aus dem Wunsch heraus, meine persönliche Entwicklung durch eine Auslandserfahrung zu vollenden – eine Erfahrung, die mir den Zugang zu einer für mich komplexeren Sprache eröffnen sollte als Französisch, Spanisch oder Portugiesisch, die ich als Italiener jederzeit hätte erlernen können.

Ursprünglich hatte ich Sankt Petersburg im Sinn. Einige deutsche Freunde rieten mir jedoch zu Berlin. Seit dieser Entscheidung sind beinahe zwanzig Jahre vergangen. Die Hauptstadt Deutschlands ist heute, im Vergleich mit 2008, eine andere Stadt, doch damals war sie für mich eine Offenbarung: eine endlose, günstige, friedliche und kreative Stadt.

Zum ersten Mal kam ich 2007 dorthin. Es war ein echtes Gefühl von la dolce vita, das in den folgenden Jahren durch hemmungslose Spekulation, den Niedergang Europas und die wirtschaftliche Instabilität unserer Zeit beschädigt wurde. Nach einer globalen Epidemie, wie sie keiner von uns je zuvor erlebt hatte, ist die Gewalt erneut auf den Kontinent zurückgekehrt.

Seit 2019 stehe ich gemeinsam mit Lúcia de Brito an der Spitze einer renommierten Chocolaterie in Schöneberg, nur wenige Schritte vom Rathaus entfernt, von dessen Balkon J. F. Kennedy den berühmten Satz sprach: „Ich bin ein Berliner“.

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Was bedeutet für dich „la dolce vita“?

Als Italiener ist La Dolce Vita für mich zunächst ein Film – ein bis heute sehr bekannter Film von Federico Fellini. Zugleich aber war er imstande, eine so tiefe Spur in unserer Vorstellungskraft zu hinterlassen, dass sich daraus ein zutiefst italienisches, von vielen Italienern geteiltes Konzept entwickelte: die Fähigkeit, die Dinge des Lebens wahrzunehmen, zu schätzen und zu genießen. Ich lebe seit vielen Jahren im Ausland, und dies ist einer der Aspekte der Kultur, aus der ich stamme, auf die ich besonders stolz bin – und für die man uns Italiener weltweit erkennt. Im Leben lassen sich Stürme nicht vermeiden, doch man muss lernen, im Regen zu tanzen.

Wann hast du das Gefühl, „la dolce vita“ zu leben?

Ich bin ein aktiver Mensch. Für mich hat la dolce vita nur wenig mit dem dolce far niente zu tun. Ich empfinde sie vielmehr dann, wenn ich mich bewusst für eine Leidenschaft entscheide, für etwas, das mein Herz schneller schlagen lässt und mir erlaubt, auch Phasen der Monotonie oder der Anstrengung gut zu bewältigen. Ich glaube nicht, dass es eine Disziplin oder Leidenschaft gibt, die nicht auch Momente des Stillstands oder des Zweifels kennt.

Glaubst du, dass „la dolce vita“ noch ein zeitgemäßes Ideal ist?

Unbedingt. Es ist ein weit gefasstes Konzept, in dem jeder etwas Eigenes finden und es sich aneignen kann. La dolce vita ist ein Gedanke, eine Idee. Wenn ich von „Made in Italy“ oder „Made in Germany“ spreche, weiß jeder, dass man im ersten Fall an Schönheit und Design denkt, im zweiten an Solidität und Verlässlichkeit. Spricht man vom „amerikanischen Traum“, so meint man einen Ort, an dem es möglich ist, seine Träume trotz aller Widrigkeiten zu verwirklichen. Genau das ist la dolce vita: ein universelles Konzept, frei von nationalistischen Zuschreibungen, zeitlos gültig. Es lässt sich in jede Sprache übersetzen. Es gehört uns allen.

Ist „la dolce vita“ eher eine Gemütsverfassung oder ein Lebensstil?

In unserer Vorstellung bezieht sie sich auf einen bestimmten Lebensstil, doch daraus wird zwangsläufig auch eine innere Haltung, ein Zustand des Geistes. Sie ermöglicht es uns, besser zu leben, jene kleinen Momente des Glücks zu erkennen, die uns ein bewusst gelebtes Leben hin und wieder schenkt. Man muss sich jedoch verfeinern – und lernen, sie zu sehen.

Suchst du bewusst nach Momenten der „dolce vita“?

Ja, durchaus. Auch wenn es inzwischen kaum noch Zeit gibt, sie zu suchen oder zu planen. Aber vielleicht ist es genau so, wie es sein soll. La dolce vita ist kostbar – und deshalb kann sie nur selten sein

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